Von:
Bernadette Jung

e-oma.de

Oma ist die Beste. Eis und Kekse bis zum Abwinken, die besten Geschenke und absolute Narrenfreiheit – ein Besuch bei Oma ist besser als Weihnachten und Geburtstag zusammen. Nicht für mich. Meine Oma ist nämlich überhaupt nicht nett. Den ganzen Tag meckert sie und schimpft mit mir. Jeden Sommer war ich bei ihr zu Besuch - fünf Wochen lang derselbe Kampf. So dachte ich jedenfalls. Ich war sieben Jahre alt und konnte meine Oma nicht ausstehen. Wie beneidete ich die anderen Kinder um ihre tollen Omas!

Dann wurde ich älter, rannte nicht mehr im Haus herum, spannte bei Regenwetter nicht mehr alle Schirme im Flur auf und zog mich immer öfter mit einem Buch zurück. Ich entwuchs dem Tobe-Alter und lernte meine Großmutter allmählich kennen. Während ich so in meiner Ecke saß und las, ging meine Oma unermüdlich ihrem Haushalt nach. Obwohl ihre gekrümmten Beine sie mühsam trugen, ließ sie sich nur unwillig dabei helfen. „Lass das, ich mach das sowieso besser“. Eigensinnig war sie bisweilen und streng. Aber das ist einer Frau kaum zu verdenken, die als junge Frau neun Kinder alleine durch den Krieg gebracht hat.

An den Sonntagen nach dem Gottesdienst kamen meine Tanten meist zu Besuch vorbei. Als ich sieben war, fand ich dieses Beisammensitzen im Wohnzimmer ziemlich langweilig. Sieben Jahre später hatte ich immerhin meine Lektüre parat. Und weitere sieben Jahre später brauchte ich diese Ablenkung nicht mehr. Denn zu meiner Überraschung stellte ich bei diesen Gelegenheiten fest, dass meine Oma gesellig, ja sogar ausgesprochen lustig war. Wie spontan sie lachen konnte – das war mir früher nie aufgefallen. Je älter ich wurde, desto mehr lachten wir auch zusammen.

Eines ist mir allerdings schon früh aufgefallen – meine Oma war sehr gläubig. Das braune Gebetbuch lag stets griffbereit auf ihrem Nachttisch, neben der Leselampe. Wenn sie vor Schmerzen nachts nicht schlafen konnte, bat sie Gott um Kraft und Hilfe. Wie oft erwischte ich meine Großmutter des Nachts gequält im Bett sitzen, mit dem zerfledderten Büchlein in ihren Händen. Die darin enthaltenen Gebete kannte sie sicher alle auswendig, die vertrauten Seiten gaben ihr wohl Halt. Jeden Kummer, jede Last fing meine Oma mit ihrem Glauben auf. Als ihre Lebenskräfte immer stärker nachließen, bat sie Gott, sie zu sich zu holen. Schließlich erhörte er sie – an einem Sonntag. Das es dieser Wochentag war, hat ihr sicher gefallen.

Es sind die vielen Momente des Alltags, die mir meine Großmutter am Ende näher gebracht haben. Bei einem meiner letzten Aufenthalte haben wir zum ersten Mal gemeinsam gekocht: Sie hatte sich endlich unter die Arme greifen lassen. Und viel Spaß dabei gehabt. Es war wohl ein gegenseitiges kennen lernen. Meine Oma war die Beste – das Herzstück der Familie.